Mein erstes Stück heißt sinnigerweise "Ein Stück Geschichte", denn davon handelt es. Das zweite Stück ist in Arbeit. Bei der Basellandschaftlichen Zeitung wurden drei Beiträge von mir veröffentlicht, die Links dazu finden sie HIER , HIER und HIER


Wenn Sie Interesse haben "Ein Stück Geschichte" zu lesen, schreiben Sie mir bitte eine Email.


Auszüge gibt es hier:


Szene 1. Prolog.

Dieses Stück ist ein Stück Geschichte.

Es ist die Geschichte eines Abschnitts des Jahres 2017.
Der Zeitraum dieses Abschnitts beläuft sich auf 240 Tage, sofern die Autorin alles von davon mitbekommen hat.
Natürlich war sie nicht 240 Tage lang 24 Stunden am Tag wach. Ist ja logisch.

Dieses Stück schreibt also Geschichte.
Das bedeutet nicht, dass dieses Stück Geschichte sonderlich interessant war oder in Folge sonderlich interessant für Sie werden wird. (Sorry.)
Es ist halt geschehen und wurde zufälligerweise festgehalten.

Häufig sind die Ereignisse, die später in die Geschichte eingehen, in dem Moment, in dem sie geschehen, völlig unscheinbar. Die meisten Zeitzeugen bekommen nicht einmal mit, dass gerade Geschichte geschrieben wird.

Manchmal aber haben die Ereignisse eine solche Wucht, dass sie mit sofortiger Wirkung Reaktionen hervorrufen und die Geschichte, die sie schreiben, niemals an die Intensität des Originalmoments heranreichen wird.

Ihre Chancen stehen also 50:50, dass heute Abend entweder überhaupt nichts los ist, oder dass es Sie glatt aus den Sitzen hebt. Mal sehen, was kommt!

Sie sehen in Folge nun keine dramatische Fiktion, Sie sehen historische Fakten!
(Moment. Oder war es andersrum?)

Sie sehen keine dramatischen Fakten, Sie sehen historische Fiktion!
(Nein, so stimmt's auch nicht. Wie war's denn gleich noch mal?)

Egal. Sie glauben ja sowieso nur, was Sie glauben wollen. Also wen kümmert's.

Ich wünsche gute Unterhaltung!



Szene 7: Mehr Krieg, mehr Kohle.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/donald-trump-weicht-zentrale-klimaschutzregelungen-auf

Schon wieder unterschreibt ein Mann ein Dekret. Einen Soforterlass. Sofort! Hier! Jetzt! Ich! Herrgottsakramentzefixnoamoi! Herhören! Ich spreche! Test, Test. Hust. Räusper. Hallo? Kann man mich am anderen Ende der Welt auch noch gut verstehen? Sonst fang' ich hier nämlich gar nicht erst an zu sprechen. Hallo? Ah. Sehr gut. Also. Hüstel.

Es ist Zeit für eine neue Ära!
Wir müssen den Krieg gegen die Kohle beenden!
Ich wiederhole diesen Satz gerne noch einmal, weil mir niemand glauben wird, dass ich ihn tatsächlich gesagt habe, aber ich sage ihn:
Wir müssen den Krieg gegen die Kohle beenden! Es ist Zeit für eine neue Ära!
Und diese neue Ära heißt: mehr Kohle! Mehr Kohle, für alle!
(Moment. Ich dachte, nur für Wenige?)
Ach so, ja richtig. Für Wenige!
(Nein, du Idiot. Offiziell für alle.)
Also noch einmal offiziell für alle zum Mitschreiben: das wird uns viel Kohle bringen!

Es wäre schön, all diese Kohle, die da fließt und gefördert wird, sichtbar zu machen. Der Kohlekreislauf des Lebens. An Kohle hängt, zur Kohle drängt doch alles. Ach, wir Armen!

Macht ja auch Sinn. Viel Kohle bringt viel Kohle. Da muss man nicht studiert haben, um das zu kapieren. Ob jetzt Kohle für alle oder nur Kohle für wenige ist ja eigentlich auch völlig egal. Hauptsache, wir sind Pazifisten! Weg mit den Kriegen! Ich will keinen Krieg! Wer will schon Krieg? Niemand! Deswegen machen wir Schluss mit dem Krieg, hier und jetzt. Das ist die Zeitenwende, auf die wir alle gewartet haben! Jetzt ist sie da. Und ich habe sie eingeläutet!
(Moment. Klingelt hier gerade mein Telefon? Stille. Nein. Doch nicht. )
Ich! Und ich kann euch sagen: es war einfach! Nur eine Unterschrift und wir haben die Zeitenwende. Keine Ahnung, warum meine Vorgänger das nicht auf die Reihe gekriegt haben. Versager.

Also: auch wenn's uns nichts als noch mehr Kohle bringen wird, wir brauchen sie halt nun einmal. Wir brauchen Kohle für Kriege!
Schluss mit faulen Kriegen, äh faulen Krediten!
(Moment, falsche Rede)
- äh, Kred - äh, Krähen. Schluss mit falschen Krähen!
(Falsche Krähen? Was rede ich hier eigentlich?)
Krähen, meine Damen und Herren sind nicht zu unterschätzen. Rabenschwarz und eulenschlau.
(Wie krieg' ich jetzt die Kurve? Hallo? Teleprompter? Ach so, der hört mich ja nicht. Ich muss was sagen. Aber was?)
Aber nur weil Krähen viel krähen, bringen sie noch lange keine Kohle. Sie müssen etwas leisten! Lautstark herum zu krähen hat noch niemandem etwas gebracht. Auch der Kohle nicht. Deswegen liegt sie still und geduldig in den Tiefen der Erde und wartet auf den Frieden, den wir ihr bringen werden.
(Sehr gut, immer nur schön vom Frieden reden.)
Wir müssen die Kohle befreien aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit!
Frieden! Ich will Frieden! Ich will keinen Krieg, ich will Frieden!
Frieden für die Kohle!
Und deswegen sage ich mit der allerhöchsten Vehemenz:
Friede den Hütten, Krieg den Palästen!
(So einen idiotischen Satz habe ich ja noch nie gehört. Wer hat denn bloß diesen Text geschrieben?)
Friede den Hütten, Krieg den Palästen!
Kein Krieg gegen Kohle!
Krieg für Kohle!
Nie wieder Frieden!
Vielen Dank.

Ohrenbetäubender Applaus. Im Teleprompter sieht man vielleicht noch die Zahlen des Militärbudgets des Staates X und das Budget für Klimaschutz des Staates Y laufen. Vielleicht interessiert es aber auch keinen und man kann sich die Mühe sparen, die genauen Zahlen zu recherchieren. In Wien kann man sich an der U-Bahn Station Karlsplatz eine LED Laufschrift ansehen, auf der die weltweiten Ausgaben für Militär sekündlich aktualisiert werden. Die steigen in einem solchen Tempo, so schnell kann man gar nicht mitlesen. Mit einem früh gebuchtem Easyjet Ticket ist der Hin- und Rückflug nach Wien zu dieser Installation wahrscheinlich sogar günstiger, als den Arbeitsaufwand einer Assistentin zu bezahlen, die die korrekten Zahlen recherchieren würde. Kein Krieg gegen Kohle!



Szene 8. Aus den Fugen.

Klänge von Bachs Wohltemperiertem Klavier schwirren durch den Raum. Ein Mann steht in der Mitte der Bühne im barocken Kostüm. Er rezitiert inbrünstig Voltaire (natürlich auf Französisch!) und man ist sich nicht ganz sicher, ob es Voltaire persönlich ist - der Kopf der Aufklärung! - oder ob es ein Schauspieler ist, der Voltaire spielt. Sie meinen, ich spinne? Mitnichten! Die Zeit ist in dieser Szene aus den Fugen und das Rad der Geschichte wird ab jetzt zurückgedreht. Die Toten tanzen und die Lebenden lernen das Fürchten.

Sag' mal, was ist denn hier eigentlich los??

Ich weiß es auch nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr.

Wie kann das denn sein?

Es ist.

Aber wie kann das denn sein?

Es ist.

Es ist nicht zu fassen. Sag' mal, ist das Voltaire?

Keine Ahnung. Er steht da schon eine Weile lang.

Wo sind wir hier eigentlich?

Ich weiß es nicht.

Jetzt aber mal wirklich: wo sind wir denn hier eigentlich?

Ich weiß es nicht. Frag Voltaire, vielleicht weiß der Bescheid.

Sprichst du Französisch?

Nur ein bisschen.

Ich sprech' überhaupt keins. Komm', du sprichst ihn an.

Na gut. Und was genau soll ich ihn fragen?

Ob er weiß, wo wir hier eigentlich sind.

Ok, ich versuch's mal.

Voltaire rezitiert.

Ähm. Ex - äh. Excusez-moi. Monsieur? Âlo? Âlo?

Voltaire rezitiert.

Versteht der dich nicht oder was.

Woher soll ich das wissen. Aber ich glaube, ich habe Französisch gesprochen.

Versuch's nochmal.

Räuspern.

Âlo? Excusez-moi, Monsieur?

Voltaire rezitiert, Bach klimpert.

Nichts.

Vielleicht ist er ja taub und du musst einfach nur lauter sprechen. Der sieht schon ganz schön alt aus.

Âlo? Monsieur? Excusez-moi?

Himmel, so laut nun auch wieder nicht. Der erschrickt sich ja zu Tode.

Der erschrickt überhaupt nicht, der hört mich nicht. Âlo??

Geh' doch einfach hin.

Geh' du doch einfach hin.

Ich sprech' kein Französisch.

Er scheint ja sowieso nichts zu hören.

Wo sind wir hier eigentlich??

Jetzt frag' ihn doch endlich!

Sag' mal, sind wir hier bei Beckett?

Nein, bei Beckett sind wir ganz bestimmt nicht.

Woher weißt du das?

Ich weiß es einfach. Komm', mach' keine Zicken, geh hin und frag' ihn.

Voltaire rezitiert. Diverse Versuche der nonverbalen Kommunikation mit ihm, die allesamt scheitern. Das kann auch sehr schön aussehen, artistisch bis expressiv und eine ganze Weile dauern, bis der Versuch dann letztendlich abgebrochen wird. Immerhin: ein paar Kalorien wurden verbrannt.

Ich geb's auf, der versteht uns nicht. Immerhin, ein paar Kalorien wurden verbrannt.

Der versteht uns nicht nur nicht, der sieht uns gar nicht.

Vielleicht ist er ja blind und taub.

Das glaube ich nicht. Nein, hier stimmt etwas nicht.

Was soll denn nicht stimmen. Wir wissen ja nicht einmal, wo wir hier eigentlich sind.

Aber hier stimmt etwas nicht.

Die Temperierung oder was meinst du?

Nein, die ist wohltemperiert. Aber alles ist irgendwie so - so -

Ja, was denn?

So - so -

Soso.

So - rückwärtsgewandt.

Rückwärtsgewandt.

Ja genau. Ich finde das alles hier so rückwärtsgewandt. Da stimmt überhaupt nichts.

Jetzt wo du es sagst... schreit unvermittelt

Schreit Was? Was ist denn? Oh mein Gott, sag', was ist denn?

Schreit Da!

Schreit Wo?

Schreit Da!

Schreit Ich seh' nichts!

Schreit Da!

Stille. Panisches Schweigen. Ein Neandertaler mit Fell, Keule und einer Frau unterm Arm betritt die Bühne. Er geht auf Voltaire zu, stellt die Frau ab, zückt seine Keule und zieht Voltaire eins über den Schädel. Voltaire geht zu Boden. Der Neandertaler nimmt das Buch und isst es auf. Tschüss Aufklärung. Rülps.

Hast du das gesehen?

Ja.

Hast du das gesehen??

Ja, natürlich hab ich das gesehen, ich bin doch hier!

Das ist doch nicht zu glauben. Das glaube ich nicht!

Ich glaube es auch nicht.

Ich glaube es nicht!

Ich glaube es auch nicht.

Sag' mal, was ist denn hier eigentlich los??

Ich weiß es auch nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr.

Wie kann das denn sein?

Es ist.

Aber wie kann das denn sein?

Es ist.

Es ist nicht zu fassen. Wo sind wir hier eigentlich?

(...)